Ekelgerücht

Faktencheck: Enthält Milch Eiter?


In manch einer Diskussion rund um Milchprodukte werden Thesen mit gewissen Ekel-Faktor präsentiert, zum Beispiel, dass in Kuhmilch Eiter aus entzündeten Eutern enthalten sei. Eine solche Aussage kann einem schon den Appetit verderben – wer isst schon gerne Schokopudding mit Eiter?

Doch es gibt ja auch viele Gerüchte, die sich letztendlich als falsch erwiesen haben, zum Beispiel die Legende vom Blut in Schokoladencreme [1].
Was ist also dran an der These vom Eiter in der Milch? Machen wir den Faktencheck!

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Was ist eigentlich Eiter?

Melkstand
Melkstand
Bild: Felagund
Beim Eindringen eines Erregers in den Körper eines Säugetieres versuchen die Leukozyten (Abwehrzellen), den Angreifer „aufzufressen“ und damit unschädlich zu machen. Dieser Vorgang wird als Phagozytose bezeichnet. Bei einer starken Infektion und übermäßiger Phagozytose verklumpen die aktivierten Abwehrzellen – und werden als Eiter sichtbar [2]. Eiter ist also ein Mix aus Erregerzellen und Abwehrzellen. In der Lebensmittelkontrolle werden Erreger- und körpereigene Zellen getrennt analysiert – eine Messung von Eiter an sich erfolgt also nicht. Gesundheitlich relevant sind die Erreger [3] – und diese können auch ohne Eiterbildung enthalten sein.

Eiter enthält sowohl körpereigene Abwehr-Zellen („somatische Zellen“ = körpereigene Zellen), als auch Erreger. Sie werden in Labors getrennt ermittelt.

In Ställen mit vielen Rindern, die zwangsläufig in Berührung mit ihren Exkrementen kommen, ist das Risiko einer Infektion und eitrigen Entzündung besonders hoch. [4][5][6]

Infektion durch Melken

"Milchkühe"
"Milchkühe"
Bild: Daniel Nagel (bearb.), CC-BY
Durch das maschinelle Melken können Erreger ins Euter eindringen. Dies kann zu einer so genannten Mastitis, also Euterentzündung, führen – in schlimmen Fällen mit hohem Fieber und sichtbarem Eiter-Austritt. Eine beginnende Mastitis ist für den Milchwirt nicht immer sofort erkennbar, so dass vielfach auch Kühe mit einer versteckten Mastitis („subklinische Mastitis“ [7]) gemolken werden und Erreger – wenn auch nicht zwingend in Form von Eiter – in den Milchtank gelangen.

Um einer Euterentzündung vorzubeugen oder diese zu behandeln, verwenden Milchwirte Desinfektionsmittel, oft auch Antibiotika, und sind bedacht auf hohe, hygienische Standards. Denn eine hohe Keimbelastung kann den Milchpreis senken, der durch die so genannte Milch-Güteverordnung festgelegt wird.

Durch eine tierärztliche Untersuchung kann eine Mastitis erkannt und die Kuh entsprechend behandelt werden. Allerdings wird die durchschnittliche Keimmenge meist nicht pro Tier gemessen, sondern anhand eines „geometrischen Mittels“ über mehrere Monate, so dass eine an Mastitis erkrankte Kuh nicht unbedingt auffällt.

Kuhmilch muss in Deutschland vor dem Verkauf pasteurisiert werden. Eine Ausnahme gilt für so genannte Vorzugsmilch. Durch die Erhitzung werden Bakterien und viele Erreger abgetötet, so dass die Gefahr einer Infektion durch den Milch-Konsum unwahrscheinlich ist – selbst wenn Eiter in der Milch enthalten sein sollte.

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Eiter in der Milch? Die Milch-Güteverordnung regelt's

Erreger unter dem Elektronenmikroskop
Erreger unter dem Elektronenmikroskop
Bild: NIAID, CC-BY
Die Milch-Güteverordnung, die vom Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft (BMVEL) erlassen wird, definiert Qualitätsklassen für Kuhmilch. Zur Klassifizierung werden regelmäßig Keimzahlen, Hemmstoffe (zum Beispiel Medikamente), „somatische Zellen“ (siehe oben), sowie weitere Werte in der Milch ermittelt. Für höhere Qualität erhält der Milchwirt von der Molkerei mehr Geld [8].

In Milch der Klasse 1 dürfen gemäß der Milchgüteverordnung 1980 (letzte Änderung: 2010) 100.000 Keime pro ccm Kuhmilch (bei 30° Celsius) enthalten sein. Wenn bei der Kontrolle mehr Keime gefunden werden, bekommt die Milch die Klasse 2. [9]
Bei somatischen Zellen, zu denen auch die körpereigenen Abwehrzellen des Eiters gehören, liegt der Grenzwert bei 400.000 pro ccm – also das Vierfache der Erregerzellen, in allen Qualitätsklassen.
Wenn Hemmstoffe nachgewiesen werden, darf die Milch nicht verarbeitet werden.
Über 95% der in Deutschland erzeugten Kuhmilch erhält übrigens Qualitätsklasse 1 [10]. (Stand: November 2013).

Auch wenn die Grenzwerte streng sind und die Milch vor dem Verkauf pasteurisiert wird, kann also nicht gänzlich ausgeschlossen werden, dass Eiter bzw. Erreger enthalten sind.


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Kommentare

regenbogen55
Kommentar #2 16.05.2016, 19:15 Uhr
Interessante Infos findet man auch auf der Seite www.milchlos.de

Daisy
Kommentar #1 07.09.2014, 19:49 Uhr
Normalerweise erkennt jede*r Landwirt*in eine Euterentzündung schon bei Beginn und behandelt das Tier, sodass es möglichst nicht zu einer (klinischen) Mastitis mit sehr viel Blut und Eiter in der Milch, Antibiotikabehandlung und Einkommenseinbußen kommt. Leider sind (leicht) entzündete Euter sehr häufig und die Milch einer der erkrankten Kühe kommt fast bei jedem Melkvorgang in den Tank, solange noch kein Blut zu sehen ist oder die Milch flockt. Durch die Verdünnung mit der "gesunden" Milch liegen die Keim-/Zellzahle dann unter den festgelegten Grenzwerten. Die Aussage, dass Eiter in der Milch nicht ausgeschlossen werden kann finde ich da doch etwas beschönigend. Übrigens Wird die Milch beim Melken durch einen Filter geleitet, der Kot- und andere Klumpen herausfiltert. So einen Filter nach dem Melken anzusehen ist auch nicht gerade appetitlich.

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