Diskurs

Das Dilemma des erhobenen Zeigefingers


Niemand lässt sich gerne von neunmalklugen Besserwissern belehren, soviel ist klar. Schließlich wird es schnell unerträglich, wenn eine Person ständig ihre Meinung kundtut und glaubt, dies sei die einzig gültige Wahrheit. Auch Veganern wird manchmal ein "erhobener Zeigefinger" vorgeworfen, wenn sie auf die Vorzüge der veganen Lebensweise hinweisen. Manch ein Veganer bekommt diesen Vorwurf praktisch schon vorsorglich aufgrund seiner bloßen Anwesenheit. Auch in Talkshows ist immer wieder von "erhobenen Zeigefingern" die Rede, die doch bitte unten bleiben sollten.

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Man spricht von einem "erhobenen Zeigefinger", wenn eine Person penetrant und wiederholt eigene Überzeugungen verkündet und sich dadurch als "besser" präsentiert. So etwas nervt besonders deshalb, weil dabei ignoriert wird, dass sich andere Menschen bereits Gedanken zu einem Thema gemacht haben könnten. Niemand lässt sich gerne ständig belehren, schon gar nicht, damit sich jemand anderes dadurch besser fühlt. "Du sollst Dich nicht besser fühlen, indem Du mich schlecht machst". Ein erhobener Zeigefinger fühlt sich eben manchmal auch an wie ein Stinkefinger.

Hinter dem Vorwurf des erhobenen Zeigefingers steckt oft ein erhobener Zeigefinger

Doch der Vorwurf des "erhobenen Zeigefingers" wird gerne auch missbräuchlich erhoben, um unangenehme Informationen zu verdrängen. Der Vorwurf des "erhobenen Zeigefingers" ist dann ein "Totschlag-Argument", schließlich ist es allgemein verpönt, andere Menschen zu belehren. Es ist kein echtes Argument und dient vielmehr dazu, Argumente schon vor einer genaueren Auseinandersetzung zu disqualifizieren. Hinter dem Vorwurf des "erhobenen Zeigefingers" steckt somit oft selbst ein erhobener Zeigefinger: "Du darfst das jetzt nicht sagen, sonst wirst du geächtet".

Der Zeigefinger-Vorwurf ist auch ein Instrument des Rabulismus, also der zweifelhaften Kunst, in Diskussionen auch ohne inhaltliche Argumente immer Recht zu behalten - man kennt das aus politischen Talkshows. Rabulismus basiert in wichtigen Teilen auf dem Prinzip, Argumente zu diskreditieren und so eine inhaltliche Auseinandersetzung zu verhindern.

Auch in Bezug zu Veganismus steht der Zeigefinger-Vorwurf oft in einer Reihe mit anderen Strategien, um auch ohne gute Argumente Recht zu behalten. Im Gegensatz zum Rabulismus geschieht dies im privaten Rahmen oft unbewusst. Die amerikanische Psychologie-Professorin Melanie Joy sieht solche Abwehr-Mechanismen als Teil der Fleischesser-Ideologie Karnismus.

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Warum der erhobene Zeigefinger unten bleiben sollte

Am besten sollte der Zeigefinger - auch in Diskussionen über Veganismus - schlicht unten bleiben. Gleichzeitig ist auch der Vorwurf des erhobenen Zeigefingers wenig hilfreich. Es gibt schließlich gute Argumente, die sich ohne wertende Besserwisserei vortragen und überprüfen lassen. Dass Tiere für Tierprodukte gequält werden - damit müssen Fleischesser selbst klarkommen. Wer sich bei dem Gedanken schlecht fühlt, sollte seine eigene Lebensweise hinterfragen, statt die gute Argumente für eine tierfreundliche Lebensweise formell in Misskredit zu bringen. Gleichzeitig steht es niemandem zu, ständig dieselben Informationen zu wiederholen und sich so als moralische Instanz aufzuspielen. Die meisten Veganer waren früher ja ebenfalls Fleischesser und die wesentlichen Informationen sind längst bekannt.


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