Leitfaden für öffentliche Diskussionen über vegane Ernährung

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Leitfaden für Moderatoren und Teilnehmer einer Talkshow über vegane Ernährung
Bild: pixabay.com


Diskussionen sind wichtig, um den eigenen Horizont zu erweitern. Das gilt natürlich auch für öffentliche Podiumsdiskussionen, Talkshows und TV-Debatten rund um eine vegane Ernährung. Doch gerade bei diesem Thema beobachten wir immer wieder typische Fehler, die die Debatte verzerren und teilweise sogar ins Absurde driften lassen.

Typisch sind zum Beispiel ausführliche Abhandlungen über rein theoretische Tierhaltungsformen, die vom eigentlichen Thema ablenken. Aber auch eigene Vorurteile können dazu führen, dass eine Talkshow ungewollt einen tendenziösen Charakter bekommt.

Dieser Leitfaden dient Moderatoren Teilnehmern und Redakteuren dazu, sich angemessen vorzubereiten - und typische Patzer zu vermeiden.

Uns ist bewusst, dass die Diskussion über vegane Ernährung teilweise bewusst polemisch geführt wird. Moderatoren, Redakteure und Diskussions-Teilnehmer, die hochwertige Diskussionen mit dem Ziel der Erkenntnisgewinnung planen, werden von diesem Leitfaden jedoch hoffentlich profitieren können.

#1: Die Diskussion schweift ausführlich auf "gute Tierprodukte" ab.

Es ist eigentlich nur eine Frage der Zeit bis eine Diskussion über vegane Ernährung auf die "gute Tierhaltung" abschweift. Dass über eine Tierproduktion diskutiert wird, die praktisch nicht existiert und daher auch keinen relevanten Marktanteil hat. Frei nach dem Motto: Wenn Tierhaltung doch zumindest theoretisch auch "gut" funktionieren würde, wäre vegane Ernährung gar nicht notwendig (und daher übertrieben).


Tipp für Moderatoren: Frage gezielt nach, ob die Aussagen zur Kernfrage passen. Komme nötigenfalls wieder auf die ursprüngliche Fragestellung zurück. Über einen Einspieler könnten die tatsächlichen Marktverhältnisse illustriert werden.

Auch der Effekt, dass so oft über "gute Tierhaltung" diskutiert wird, die in der Realität kaum vorkommt, könnte explizit angesprochen werden. Biofleisch hat z. B. einen Marktanteil von unter 2%. Dennoch wird in vielen Vegan-Diskussionen sehr viel über Biofleisch gesprochen.

Tipp für vegane Diskussions-Teilnehmer: Betone stets, dass es dir um Tatsachen geht. Dass das meiste Fleisch laut Statistik aus industrieller Tierhaltung kommt und eben nicht aus der "guten" Tierhaltung, die es eigentlich gar nicht gibt.

#2 Diskussion über Rand- und Graubereiche.

Sind Mandeln eigentlich vegan? Und wird für den Anbau von Avocados nicht die Umwelt zerstört? Diskussionen über vegane Ernährung fokussieren sich schnell auf Grau- und Randbereiche. Als ginge es darum, Veganern ihre "Fehler" nachzuweisen. Als gäbe es bloß Perfektion oder Resignation.


Die meisten Veganer möchten die Tierproduktion und ihre Folgen nicht weiter unterstützen. Veganismus ist hier eindeutig der effektivste Weg.

Tipp für Moderatoren: Gib deinen Diskussionspartnern die Möglichkeit, ihre Motivation zu erklären. Zeige Einspieler, die den Effekt einer veganen Ernährung für Umwelt, Tiere und Gesundheit verdeutlichen.

Tipp für vegane Diskussions-Teilnehmer: Bist du Veganer geworden, um perfekt zu sein und überhaupt keine Fehler zu machen? Natürlich nicht. Berichte von deinem eigenen Werdegang. Und mach dir klar, dass man nicht zu jedem Thema eine Meinung haben muss. Es ist ein riesiger Unterschied, ob du Tierhaltung aktiv förderst, oder nicht.

#3 Vermischung von Themenbereichen.

Veganer lehnen Tierprodukte ab. Manche beziehen jedoch keinen Ökostrom. Sie tragen damit also ebenfalls zur Erhitzung des Klimas bei. Sind Veganer also inkonsequent?

Die Vermischung verschiedener Themenbereiche (hier Tierproduktion vs. Energieerzeugung) suggeriert falsche Zusammenhänge. Veganer nehmen mit ihrer Konsumweise Einfluss auf die Erzeugung von Lebensmitteln. Es ist keine allumfassende Lebensphilosophie. Und: Auch viele Veganer beziehen durchaus Ökostrom.

Tipp für Moderatoren: Stelle klar, wenn verschiedene Themen vermischt werden. Du kannst zum Beispiel fragen, inwiefern hier ein Zusammenhang besteht und ob das Eine das Andere ausschließt.


Tipp für vegane Diskussions-Teilnehmer: Versuche gar nicht erst, dich zu rechtfertigen. Selbst wenn du Ökostrom beziehst, musst du das nicht um jeden Preis sagen. Weise lieber freundlich darauf hin, dass hier zwei Themenbereiche vermischt werden und dass du dich gerne auf die veganen Aspekte konzentrieren möchtest. Denn darum geht es ja in der Diskussion.

#4 Veganismus wird pauschal als "radikal", "dogmatisch" oder "extrem" dargestellt.

In Diskussionen rund um eine vegane Ernährung werden Veganer manchmal als "radikal" oder "dogmatisch" dargestellt. Dies dient oft dazu, den Diskussionspartner als sozial inadäquat darzustellen und lässt die Diskussion ins Unsachliche abdriften. Denn wer möchte schon als sozial inadäquat dargestellt werden?

Tipp für Moderatoren: Moderatoren sollten auf einer sachlichen Diskussion bestehen - und nötigenfalls klarstellen, dass unsachliche Herabwürdigungen nicht geduldet werden. Warum sollte vegane Ernährung "extrem" sein, industrielle Tierhaltung jedoch nicht?


Tipp für vegane Diskussions-Teilnehmer: Weise solche Angriffe freundlich aber entschieden von dir und betone, dass solche Bezeichnungen keinen inhaltlichen Mehrwert haben. Vermeide es, selbst solche Adjektive zu verwenden. Veganer treffen bewusste Kaufentscheidungen. Das ist erlaubt und sozial adäquat.

#5 Ungewolltes, tendenziöses Setting.

Schon bei der Anmoderation nimmt der Moderator häufig eine persönliche Position ein, um Nahbarkeit zu demonstrieren. Typisch ist zum Beispiel ein Hinweis, dass er zwar selbst gerne Fleisch ist, es aber gute Gründe gibt, auch einmal über vegane Ernährung zu sprechen.

Eine solche Anmoderation kann durchaus harmlos und nett gemeint sein, sorgt aber automatisch für ein tendenziöses Setting. Fleischverzehr ist für die meisten Menschen zwar "normal", doch es stammt immer aus Tierquälerei. Für Veganer ist das Thema präsenter als für viele andere Menschen - und der joviale Umgang damit kann irritierend wirken (als würde sich der Moderator über Leid lustig machen oder es gutheißen).


Tipp für Moderatoren: Eine neutrale Position gibt es in der Ernährung nicht. Die Anmoderation sollte daher allgemein gehalten werden, ohne persönlich eine Rolle oder Position in der Diskussion einzunehmen. Moderatoren, die sich aktiv als Fleischesser vorstellen, nehmen keine neutrale Rolle mehr in der Diskussion ein.

#6 Tendenziöse Fragestellung.

Die meisten Menschen in Deutschland essen Fleisch. Und Menschen neigen dazu, eigenes Verhalten auch dann zu rechtfertigen, wenn alle Argumente dagegen sprechen. Das zeigen psychologische Untersuchungen immer wieder. Diesen Effekt sollten sich alle an der Planung Beteiligten klar machen. Typische, tendenziöse Fragen sind zum Beispiel:

  • Moralische Fragen (z. B. "Dürfen wir Fleisch essen?"). Dadurch entsteht der Eindruck, es handele sich um reine Meinungsfragen ohne Auswirkungen.
  • Rhetorische Fragen, z. B. "Sind Veganer bessere Menschen"? Hier gibt es nur falsche Antworten. Ja = Überheblichkeit. Nein = Warum machst du es dann?
  • Ja-/Nein-Fragen zu komplexen Themen, die (in einer nicht vorgebildeten Diskussionsrunde) einer ausführlichen Erläuterung bedürfen. Z. B. "Würdest du dein Kind vegan ernähren"?
  • Fragen rund um Randbereiche (s.o.)
  • ...

Tipp für Moderatoren: Redakteure und Moderationen einer TV-Diskussion sollten sich stets im Klaren darüber sein, dass sie persönliche Vorurteile und Meinungen haben und dass dies einen Einfluss auf die Gestaltung der Diskussion hat. Die Fragen sollten daher vorab gezielt auf diesen Fehler geprüft werden.


Kennst du noch weitere Aspekte, die in der öffentlichen Diskussion rund um vegane Ernährung eine Rolle spielen? Zum Beispiel typische Fehler in Talkshows?
Dann zögere nicht und diskutiere mit uns im Forum!

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Leitfaden für vegane Diskussionen in der Öffentlichkeit
(3 Antworten)
Letzter Beitrag: 06.11.2019, 20:17 Uhr


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