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Provokationen in sozialen Netzwerken? Einfach ignorieren!


Wer sich auf Facebook, Twitter und Co herum treibt, kennt das Phänomen: Immer wieder tauchen Beiträge in der Timeline auf, über die man sich eigentlich nur aufregen kann. Lügen, Provokationen und Hetze. Auch in veganen Gruppen der Netzwerke werden solche "Aufreger" gerne geteilt. Oft mit der Aufforderung verbunden, sich an der Diskussion zu beteiligen und gute, sinnvolle Argumente einzubringen. Frei nach dem Motto: Irgendwer muss doch schließlich Niveau in die Debatte bringen.

Doch das ist ein großer Fehler. Denn wer mit solchen Beiträgen interagiert, fördert zugleich ihre Verbreitung. Auch wenn er eigentlich das Gegenteil erreichen möchte. Warum das so ist und was es mit diesem Bumerang-Effekt auf sich hat, das erfahren Sie in diesem Artikel.

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Wer Unsinn teilt, verbreitet Unsinn.

Wer Unsinn in sozialen Netzwerken teilt, kommentiert oder anderweitig damit interagiert, fördert dessen Verbreitung und erhöht zugleich die Reputation des Verfassers. Dadurch können weitere Beiträge des Verfassers leichter große Reichweite erzielen. Wer mit Sinnlos- und Nerv-Beiträgen interagiert, fördert Sinnlos- und Nerv-Beiträge. Auch dann, wenn er sie bewusst mit einem "Wut"-Emoji markiert.

Ein guter Shitstorm bringt ordentlich Reichweite!
Über manche Beiträge kann man sich nur aufregen. Sollte man aber nicht.
Bild: Fotolia.com

Kurz gesagt: Wer Blödsinn teilt und damit interagiert, verbreitet Blödsinn. Er fördert dadurch die Manipulation von Menschen, die vielleicht weniger kritisch mit solchen Inhalten umgehen. Und zwar auch (und gerade), wenn er sich argumentativ und niveauvoll mit dem Thema auseinander setzt. Denn dadurch fühlen sich auch andere Mitleser motiviert, selbst teilzunehmen.

Man muss sich schon sehr gut mit den Algorithmen und technischen Hintergründen der sozialen Netzwerke auskennen, um professionell mit Hetze, Provokationen und Co umgehen zu können (das erfordert eine intensive Beschäftigung mit dem Thema). Die Interaktion mit Hetz-Posts ist dabei in den meisten Fällen die schlechteste Option.
Was Sie gegen solche Beiträge tun können, lesen Sie unten im Artikel.

Netzwerke orientieren sich an Interaktionen - nicht an Niveau.

Das technische Grundprinzip sozialer Netzwerke ist relativ leicht zu verstehen:
Die meisten sozialen Netzwerke orientieren sich (im Wesentlichen) an Interaktionen (also Aktionen, die der Nutzer auf der Seite ausführt, z. B. liken, kommentieren, teilen usw.). Je mehr Aktivität, desto mehr Werbe-Einblendungen, über die sich das Netzwerk finanziert. Je mehr Werbeeinblendungen, umso höher die Umsätze. Soziale Netzwerke leben gewissermaßen von den Interaktionen.


Einfach mal tief durchatmen - bevor einem der Kragen platzt.
Bild: Fotolia.com

Provokationen funktionieren dabei verständlicherweise besonders gut.

Soziale Netzwerke haben schon aus wirtschaftlichen Gründen ein großes Interesse daran, die Interaktivität ihrer Benutzer zu erhöhen. Sie "lernen" aus dem früheren Verhalten, welche Themen für den Nutzer besonders interessant (bzw. emotional) sind. Deshalb bekommen auch Menschen, die ihre Wut über bestimmte Beiträge ausdrücken, immer mehr solcher Beiträge zu sehen. Es ist leicht nachvollziehbar, warum soziale Netzwerke oft depressiv machen. Untersuchungen haben das mehrfach bestätigt.

Kleine Belohnung für mehr Interaktion

Soziale Netzwerke zeigen bevorzugt Inhalte von Menschen mit ähnlichen Interessen, also von "Freunden". Dazu zählen auch Beiträge, die von diesen "Freunden" geliked, geteilt oder kommentiert wurden.
So sieht man zum Beispiel, wer aus der eigenen "Freundesliste" bereits mit einem Beitrag interagiert hat. Dies fördert den Wunsch, selbst einen geistreichen Beitrag abzugeben um sich in seiner eigenen Peer-Group zu profilieren. Stets mit der leisen Hoffnung auf ein "Like" aus der Friendlist.

Das soziale Netzwerk belohnt seine Nutzer auf diese Weise für ihre Interaktionen - auch wenn die Aktivität selbst einen gänzlich unerwünschten Effekt hat. Denn die Interaktion fördert in erster Linie die Verbreitung des Haupt-Beitrages. Also die Verbreitung von Hetze, Provokation, Lügen und Co.

Eine Jugendliche mit Skateboard
Lieber einfach mal raus gehen - das echte Leben findet draußen statt.
Bild: Fotolia.com

Ein kleines Beispiel (stark vereinfacht):
In einem Beitrag steht, dass für Milch gar keine Kälbchen sterben müssten und dass Veganer ohnehin einen an der Waffel hätten.
Lisa möchte diese Unwahrheit und Hetze stoppen und kommentiert, dass für Milch sehr wohl Kälbchen sterben müssten und erklärt, warum (das hat sie auf Vegpool.de gelesen). Ihren Unmut äußert sie mit einem "Wut"-Emoji unter dem entsprechenden Beitrag.

Aufgrund ihrer Interaktion wird der Beitrag nun auch in Peters Timeline angezeigt, da sich Peters und Lisas Interessen (technisch gesehen) ähneln - und sich auch Peter in der Vergangenheit gerne über Provokationen aufgeregt hat (das erkennt das Netzwerk an seinem früheren Nutzer-Verhalten).

Peter sieht unter dem Beitrag, dass Lisa bereits kommentiert hat. Er klickt unter ihrem Kommentar auf "gefällt mir". Lisa erhält dadurch das Gefühl, richtig und sozial adäquat gehandelt zu haben. Dass sie dabei in erster Linie den Haupt-Eintrag gefördert hat, ist ihr nicht bewusst (und womöglich auch egal - der Kommentar wirkte schließlich wie ein Ventil für ihre Empörung).

Interaktion fördert die Verbreitung der Beiträge.

Da Peter und Lisa nun mit dem Kälbchen-Beitrag interagiert haben, "denkt" das soziale Netzwerk, dass er auch für Sabine und Sahid interessant sein könnte - schließlich sind sie sowohl in Peters, als auch in Lisas Freundesliste. Sabine, die Veganer aber eher komisch findet, hat somit wieder einen "Beweis", dass Veganer spinnen und (vermeintlich) Unwahrheiten verbreiten. Sie trinkt nun besonders oft Milch. Es sterben besonders viele Kälbchen.

Ein kleines Kalb
Nicht nur recht haben - auch an die Folgen denken.
Bild: egrego2, flickr.com (bearb.), CC-BY

Der Post über die Kälbchen, die angeblich nicht für Milch sterben müssten, erhält bei Facebook durch die vielen Interaktionen eine höhere Relevanz, und zwar besonders bei Nutzern, die sich für vegane Themen zu interessieren scheinen (darunter auch Vegan-Hasser und Menschen die vielleicht noch überlegen, ob eine vegane Ernährung für sie in Frage kommt). Der Beitrag wird mehr Nutzern angezeigt und hat die Chance, auch Menschen zu manipulieren, die sich mit den Hintergründen der Milcherzeugung noch nie beschäftigt haben (und eine solche Beschäftigung ablehnen).

Lisa, die durch gute Argumente dazu beitragen wollte, die Hintergründe der Milcherzeugung bekannter zu machen, hat stattdessen dazu beigetragen, dass der Haupt-Beitrag noch mehr Verbreitung findet. Genau das Gegenteil dessen, was sie eigentlich wollte.

Was ist Ihre vegane Haupt-Motivation?
Gesundheit
Umweltschutz
Tierschutz / Ethik
Sonstige

Doch es gibt einen Weg, um diesen Bumerang-Effekt zu vermeiden!

So machen Sie dem Algorithmus einen Strich durch die Rechnung.

Um im Augenblick der emotionalen Erregung nicht in die Falle der sozialen Netzwerke zu treten und Provokationen und Hetze nicht noch zu fördern, empfiehlt es sich, folgende Punkte zu verinnerlichen und konsequent umzusetzen.

  • Vermeiden Sie jede Interaktion mit dem Beitrag, der Ihnen missfällt (z. B. weil er Unwahrheiten verbreitet, hetzt oder provoziert). Klicken Sie nicht auf "gefällt mir", kommentieren Sie nicht und geben Sie auch nicht an, wie Sie sich dabei fühlen (z. B. "Wut"). Ignorieren heißt konsequent nicht darauf einzugehen. Lassen Sie ihn links liegen.
  • Blockieren Sie stattdessen den Beitrag und ggf. auch die Seite des Verfassers. Nur so kann das Netzwerk erkennen, dass diese Beiträge unerwünscht sind. Es erkennt außerdem, dass Sie sich auf diese Weise nicht zu einer Interaktion verleiten lassen. So haben Sie die Chance, die Relevanz solcher Beiträge zu verringern, statt sie ungewollt zu fördern.
  • Machen Sie andere Nutzer, die auf Prokationen einsteigen, auf die technischen Hintergründe aufmerksam. Dazu können Sie z. B. diesen Artikel als private Nachricht verlinken (bitte nicht als Kommentar, da auch das wieder eine Interaktion wäre).

Und wenn Sie nicht gerade beruflich in sozialen Netzwerken aktiv sind, überlegen Sie doch einmal, ob Sie sich nicht komplett abmelden. Eine echte Freundschaft ist schließlich viel mehr wert als ein paar Likes und digitale "Anerkennung". Soziale Netzwerke geben Ihnen das Gefühl, Ihre Wut ausdrücken zu können. Aber Ihre Energie verpufft.

Wenn Sie etwas verändern möchten, tun Sie dies im realen Leben.

  • Organisieren Sie Informations-Abende, bei denen Sie sich direkt mit anderen Interessenten austauschen können,
  • erstellen Sie eigene Inhalte für eine gute Sache und verbreiten Sie diese,
  • Interagieren Sie in sozialen Netzwerken nur mit Beiträgen, die Ihnen gefallen (und auch nur mit Kommentaren zu solchen Beiträgen).

Soziale Netzwerke sind manchmal wie die "grauen Herren", die man aus dem Roman "Momo" kennt. Die Zeit fressen und einen unglücklich machen.


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