Jugendliche

Hilfe, unsere Tochter lebt jetzt vegan!


Das muss ein Schock gewesen sein, als Ihre Tochter verkündete, von nun an vegan leben zu wollen. Jetzt muss das Mädchen wohl völlig durchgedreht sein, mögen Sie gedacht haben! Keine Frühstücksmilch mehr, kein Fleisch, kein Käse. Kein Quark, keine Gummibärchen. Nicht einmal mehr Butter auf dem Brot! Bestimmt sahen Sie vor Ihrem inneren Auge Ihre Tochter schon als spindeldürres Knochengerüst, radikal Fleischesser beschimpfend und ohne Freunde. Denn wer mag schon mit Veganern abhängen!

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Ganz sicher haben Sie aber auch daran gedacht, wie dieses entsetzliche Bild auch auf Sie als Eltern und auf Ihre Familie abfärben könnte. Was sagt es über Sie aus, dass Ihre Tochter Ihrer Erziehung und die vermittelten Werte plötzlich derart ignoriert, ja sogar mit Füßen tritt? Werden Sie im Bekanntenkreis von nun an als die Familie mit der Problem-Tochter angesehen?

Natürlich würde auch eine ganz normale Tochter irgendwann den Drang verspüren, einen eigenen Weg auszuprobieren. Einen eigenen, gewöhnlichen Weg, versteht sich, denn sie ist ja wohlerzogen. Vielleicht sähe der Weg bei einer normalen, nicht-veganen Tochter so aus:

Ein Weg für ganz normale, nicht-vegane Töchter

Sie würde ihren Eltern Geld stehlen und mit ihren Freundinnen shoppen gehen, sich mit Jungs heimlich treffen, ein wenig kiffen, rauchen, vielleicht auf einer Party auch mal was anderes probieren. Animiert von ihren Mode- und Style-Zeitschriften würde sie beginnen, eine Diät zu machen.

Sie würde Salat (mit Schinken, aber ohne die Fettränder), Geflügeldöner und Diät-Shakes konsumieren und dabei streng auf Kalorien und Fett achten. Statt Zucker würde in Ihrem Haushalt fortan mit Süßstoff gesüßt. Ihr neuer Freund Louis („ja, er verkauft Droge, aber nicht an Kinder“) gäbe ihr Kraft, wenn sie nach einem – natürlich altersgemäßen und normalen – Streit mal wieder von Zuhause abgehauen wäre.

Schwanger mit 15 und 16

Vielleicht würde die normale Tochter mit 15 schwanger werden, hätte ihre erste Abtreibung und mit 16 gleich noch eine. Der Stress würde ihr zusetzen, die Leistungen in der Schule nachlassen. Mit 16-einhalb würde sie ausziehen, natürlich zu Louis. Der hat aber schon eine Freundin, wie Ihre Tochter nun bemerken würde. Sie würde sich ausgenutzt fühlen und es könnte der erste Selbstmordversuch folgen (natürlich nur ein Hilferuf).


Ein Blick in die Minibar Ihrer ganz normalen Tochter (17)?
Bild: Alex Brown, CC-BY

Nach einem Aufenthalt in der Psychiatrie (um den Schein zu wahren „aus Erschöpfung“) bekäme Ihre normale Tochter ihr Leben vielleicht wieder in den Griff und fände Zuflucht im Alkohol. Sie würde womöglich den Hauptschulabschluss machen und eine Lehre – trotz zwischenzeitlicher Geburt eines Sohnes – erfolgreich beenden. Sie als Eltern würden Ihre Tochter in Zukunft oft sehen, da Sie sich um das Kind kümmern würden.

Was hingegen könnte bloß geschehen, wenn ihre Tochter in den Veganismus abgleiten würde? Vielleicht dies:

Ein Weg für vegane Töchter

Als Veganerin würde sich Ihre Tochter vielleicht zuerst ein veganes Kochbuch kaufen. Oder sich Freunde einladen und mit ihnen zusammen kochen (vielleicht wäre Veganismus das Trend-Thema in ihrer Schulklasse). Sie würde sich intensiver damit beschäftigen, wie Lebensmittel erzeugt werden. Womöglich würde ihr vor Mitleid schlecht werden, wenn sie erkennt, wie Tierprodukte hergestellt werden. Sie würde sich im Fernsehen entsprechende Dokumentationen ansehen, Youtube-Videos teilen und von Tierquälerei erzählen. Das würde ihre Familie ganz schön auf die Palme bringen, denn solche Sachen muss man sich doch nicht dauernd antun!

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Zum Frühstück würde Ihre Tochter gerne vegane Aufstriche essen. Die kosten allerdings mehr Geld, weil sie Bioqualität haben („völlig überteuert“ würden Sie sagen). Sie als Eltern würden verkünden, als pädagogische Konsequenz, dass Ihre Tochter die Aufstriche fortan selbst kaufen müsse. Wenn sie beginnt, Brot mit Margarine und Tomatenmark zu essen, würden Sie mal vor versammelter Verwandtschaft erzählen, dass sich Ihre Tochter völlig fehlernährt (sie hoffen, dass diese Entblößung Ihre Tochter dazu bringt, sich wieder zu integrieren). Irgendwann würden Sie aber einsehen müssen, dass Ihre Tochter doch mehr Ahnung von Ernährung hat – sie macht sich ihre Aufstriche inzwischen selbst. Aus Kichererbsen, Süßkartoffeln und anderen Zutaten, die Sie noch gar nicht kannten. Irgendwann macht sie Aufstriche für die ganze Familie.

Süßkartoffel-Aufstrich
Vegane Aufstriche für die ganze Familie
Bild: K/Vegpool

Philosophie statt Drogenrausch

Ihre Tochter würde in ihrer Freizeit zu Workshops und Diskussionsrunden gehen und sich mit anderen Jugendlichen über Ethik und Philosophie austauschen. Vielleicht würde sie auch an Demonstrationen teilnehmen und selbst gemalte Schilder in die Luft halten („Fleisch ist Mord“). In den Schulferien möchte Ihre Tochter womöglich lieber mit Freunden zelten gehen (Sie nennen das „Hippie-Freizeit“), mit Lagerfeuer und lauter Musik – den Pauschal-Familienurlaub im Hotel am Strand lehnt sie ab.

Es könnte auch sein, dass Ihre Tochter sich als „Straight Edge“ bezeichnen würde (ein Trend aus der Hardcore-Szene, die häufig mit veganer Lebensweise verbunden wird). Dass ihr Werte wie Zuverlässigkeit und Willensstärke wichtiger sein könnten, als Normalität (wobei sie „Normalität“ immer etwas abwertend betont und mit den Fingern Gänsefüßchen andeutet).

Es könnten wilde Jahre folgen, in denen Sie sich als gesellschaftlich integrierte, normale Eltern vielleicht oft zu Tode schämen. Ihre Tochter würde vielleicht rumlaufen wie ein schwarzes Gespenst (wenn auch eines mit sehr gesunder Ausstrahlung), hätte vielleicht Piercings, Dreadlocks und Patches auf Jacke und Rucksack. Sie hätte einen Durchhänger in der Schule, schriebe vielleicht 2-Minus-Noten, sogar in Mathe, wo sie sonst immer so gut war. Nur in Ethik bekäme sie noch eine 1+. In der Schülerzeitung würde sie wortgewandt für den Veganismus eintreten und sich in Diskussionen ihre Deutschlehrerin zum Feind machen. Schließlich würde sie sich aber doch wieder aufrappeln, ihr Abitur mit einer noch passablen 1,4 bestehen (Deutsch: 2 Minus) und vielleicht ein Studium der Ernährungswissenschaften beginnen, oder Jura, das hängt von der Zusage ab.
Ob sie die Kurve noch kriegt, zu Normalität und wohlerzogener Integrität, wäre völlig ungewiss.

Mit diesem Text möchten wir zeigen, dass die Entscheidung Ihrer Tochter, vegan zu leben, kein Grund für übertriebene Sorge ist. In jedem Fall sollten Sie Ihre Tochter ernst nehmen und sie ihren eigenen Weg gehen lassen. Seien Sie stolz auf Ihre Tochter, die sich Gedanken über ihr Leben macht. Machen Sie auf keinen Fall den Fehler, Ihrer Tochter aus Sorge Tierprodukte unterzuschieben! Wenn Sie sich um die Gesundheit Ihrer Tochter sorgen, lassen Sie sich gemeinsam von einem Ernährungsberater beraten, der sich mit veganer Ernährung auskennt. Übrigens: Ärzte sind in Ernährungsfragen meist nicht die richtigen Ansprechpartner – Ernährung spielt in der ärztlichen Ausbildung keine größere Rolle.

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Kommentare

pummelchen
Kommentar #2 14.03.2016, 18:10 Uhr
...warum denn nur Tochter? Gibt ja auch vegane Söhne, so hab ich gehört^^

Vegana
Kommentar #1 21.09.2015, 12:18 Uhr
Na ja, vegan lebende Töchter gleich mit der Hardcore-Szene zu verbinden und damit Eltern überzeugen zu wollen, ihre Tochter doch ihren eigenen Weg gehen zu lassen, finde ich ziemlich unpassend. Vegan heißt doch nicht gleich extrem auszuarten!!! Das ist doch was Wunderbares!!!

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