Vegane Senioren

Erfahrungsbericht: "Das Tierleid war für mich ausschlaggebend"

Vegane Rentner - gibt es die überhaupt? In den Medien wird Veganismus oft als Jugend-Kultur dargestellt. Dabei können besonders ältere Menschen von einer rein pflanzlichen Kost profitieren.
Wir haben daher einen Aufruf gestartet - und zahlreiche vegan lebende Senioren haben sich gemeldet und ihre eigenen Erfahrungsberichte eingeschickt. Erfahren Sie heute, wie sich die frühere Bibliothekarin Jutta S. aus Dortmund der veganen Lebensweise annäherte.

Ich bin 68 Jahre alt und seit gut 2 ½ Jahren auf dem veganen Weg. Auslöser war für mich die Lektüre eines Buches von Hilal Sezgin: Landleben. In einem Kapitel erzählt sie von der Besichtigung einer Anlage von Bio-Hühnern. Bio!
Da habe ich gedacht, wenn es Bio-Hühnern so geht, wie geht es dann all den anderen Hühnern?

"Ich habe mich nicht mehr vor Dokumentationen gedrückt"

Und ich habe weiter gelesen, mich nicht mehr vor einschlägigen Dokumentationen gedrückt und angefangen vegan zu kochen. Eigentlich habe ich immer ganz gerne gekocht, auch für mich alleine und auch gerne experimentiert. Aber das lässt nun deutlich nach, muss ich feststellen und ich habe auch keine Lust mehr, meine Ernährung so absolut in den Mittelpunkt meines Lebens, Denkens und Trachtens zu stellen. Aber einen hohen Wert hat sie behalten!

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Den hohen Stellenwert hat die Ernährung behalten.
Bild: K/Vegpool

Ich bin geprägt von der großen „Bio-Öko-Vollwert-Müsli-Vegetarierer- Bewegung“, die vor ca 40 Jahren, gerade als ich mit meinem ersten Kind schwanger war, eingesetzt hat. Ich habe damals angefangen nach Barbara Rütting zu kochen, die inzwischen (fast 90 Jahre alt) auch Veganerin geworden ist und eins der ganz wenigen vollwertigen Kochbücher geschrieben hat.

Das Mitleid mit den Tieren war ausschlaggebend

Bei mir war also das Mitleid mit den Tieren ausschlaggebend, alle anderen Aspekte kamen dann dazu und waren eine gute Bestätigung, mich auf dem richtigen Weg zu befinden. Der gesundheitliche Effekt ist bei mir nun nicht so schlagend wie das anscheinend (oder auch angeblich?) bei anderen der Fall ist. Ich habe nicht abgenommen, kann aber mein Gewicht besser halten, ich platze nicht vor Energie, komme aber im Alltag ganz gut zurecht.

Ich bin z. Zt. erkältet, das aber zum ersten Mal seitdem ich mich („vorwiegendst“) vegan ernähre und ich habe nach wie vor Magen-Darm-Probleme. Ich denke, je krasser der Wechsel ist, also je ungesunder man sich vor dem Wechsel zu vegan ernährt hat, desto größer ist der Effekt. Bei mir war der Wechsel eben nicht so krass. Ich habe sehr wenig Fleisch gegessen, Gemüse und Getreide (letzteres kommt meiner Meinung nach in den veganen Kochbüchern zu kurz) waren bei mir Trumpf.

Mich hat schon immer (also seit 40 Jahren) der Stellenwert des Fleisches geärgert und dass das Gemüse als Beilage degradiert wurde. Überhaupt das Wort Gemüse ist schon eine Missachtung, heißt es doch, dass da irgendwas zu Mus gekocht wurde. Nun, da hat sich was geändert.

Buntes, gegrilltes Gemüse
Gemüse ist keineswegs bloß eine Beilage.
Bild: Fotolia.com

Gemüse ist enorm aufgewertet worden.

Gemüse ist enorm aufgewertet worden, „sogar“ bei großen Köchen. Es wird immer gerne gelächelt über die Leute, die von sich sagen, sie würden nur ganz wenig Fleisch essen. So nach dem Motto: jaja, aber wie kommt es, dass unsere Fleischproduktion immer mehr Ausmaße annimmt?

So weit ich informiert bin, liegt das an den Exporten und dass bestimmte Bevölkerungsgruppen, nämlich genau die, die sich früher kein bzw. nur wenig Fleisch leisten konnten und den Fleischkonsum mit Wohlhabenheit verbunden haben, nun jede Menge Billigfleisch kaufen. Aber, wie es heißt, „gebildete Frauen“ essen in der Tat nur noch wenig Fleisch.

Also, wenn ich irgendwo hinkomme, wo jeder etwas zum Buffet beitragen soll, dann ist da tatsächlich kaum Fleisch dabei. Schon eher mal was mit Fisch, aber viele Salate, sowas wie Hummus und Avocadocreme etc. Dann esse ich übrigens fast alles mit. Ich finde nicht, dass dann der richtige Zeitpunkt und der richtige Ort ist, vegan zu diskutieren.

"Ich fühle mich ziemlich allein"

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass „vegan“ meiner Generation, geschweige denn noch älteren, sehr schwer zu vermitteln ist. Da sind alte Gewohnheiten und Überzeugungen, Erfahrungen von Mangel, zu festgefahren und „eingefleischt“. Mich macht das traurig und ich fühle mich ziemlich allein.

In meinem ganzen Umfeld gibt es nicht einen einzigen Veganer, also Menschen, mit denen ich auch „vorher“ schon zu tun hatte, mit denen ich befreundet bin. Natürlich habe ich mich auf die Suche gemacht und bin einige Male beim veganen Brunch hier in Dortmund gewesen, wo (fast) jeder etwas mitbringt. Ein Enkel hat mich manchmal begleitet. Aber das war jeweils nur eine halbgute Erfahrung.

Vollwertküche
Von der Vollwert-Vegetariern zur Veganerin.
Bild: © shaiith - Fotolia.com

Die meisten Teilnehmer waren sehr jung und nicht unbedingt an einem Gespräch mit mir interessiert und die ganze Atmosphäre hat mir nicht so gut gefallen – und der leckerste Brunch, „den ich je gegessen habe“ war es auch nicht, außerdem musste man sich schon fast beeilen, um satt zu werden....

Ich muss furchtbar aufpassen, in meinem Freundeskreis niemandem auf die Nerven zu fallen, niemanden zu belehren oder gar irgendwie vorwurfsvoll aufzutreten. Das fällt mir schwer – gebe ich zu - und ich bin manchmal fassungslos, wie intelligente, sensible Menschen nicht bzw. fehlinformiert sind oder den Kopf in den Sand stecken und letztlich gar nicht begreifen, worum es eigentlich geht.

"Ich bin selbst nicht 100% vegan"

Ich verstehe es ganz gut, wenn jemand sagt: “Ich sehe das alles ein, aber irgendwie kriege ich das nicht hin.“ Das kann ich nachvollziehen, schließlich bin ich selber nicht 100% vegan. Bei Süßigkeiten, v.a. die ich geschenkt bekommen z. B. frage ich nicht groß nach, gestern bei einer Einladung in ein Traditionscafé habe ich halt auch ein Stück Traditionstorte gegessen.

Meine Hautcreme von Weleda, die ich schon ewig benutze und die mir gut tut, enthält Honig, meine Lederschuhe, Wolldecken, Federkissen habe ich nicht weggeworfen, sondern benutze sie weiter – verschenken könnte man diese Sachen eh' nicht mehr und Wegwerfen ist für mich keine Option.

Wie alt sind Sie?
bis 14 Jahre
15-25 Jahre
26-40 Jahre
41 - 55 Jahre
56 - 75 Jahre
über 75 Jahre

Bräuchte ich etwas Neues, würde ich mich um eine Alternative bemühen. Die zu finden ist aber oft viel schwerer als allgemein so gesagt wird! Ich habe bislang noch keine veganen Schuhe gefunden. Entsprechende Ladengeschäfte gibt es nicht, bestellen tue ich sowas nur sehr ungern und es waren zudem solche Modelle wie ich sie suche (keine Pumps!), also bequem, haltbar und trotzdem schick, nicht dabei.

Am schlimmsten aber finde ich den Mangel an Alternativen zu Wolle!
Ich stricke und häkele sehr gerne und sehr viel und ich hasse Synthetik. Auch Baumwolle finde ich nicht so toll, verarbeite sie nicht gerne und sie ist auch längst nicht für alles geeignet. Ich gehe davon aus, dass sich da noch ganz viel tut und es immer einfacher wird, vegan zu leben – und selbstverständlicher.

„Wir Rentner“ sind sicherlich nicht die Zukunft, aber wir können in der Tat Vorbild sein (wenn meine Oma schon Veganerin war, kann das ja so abgefahren nicht sein) und überhaupt eine Schneeflocke in der Lawine. Ich würde mich freuen, wenn es ein Forum gäbe, in der sich ältere Veganer austauschen und sich gegenseitig helfen und unterstützen könnten.

Sind auch Sie vegane Seniorin oder veganer Senior? Haben Sie von einer veganen Ernährung profitiert und möchten auch Sie andere Leser an Ihren Erfahrungen teilhaben lassen und bestärken? Dann zögern Sie jetzt nicht und nehmen Sie Kontakt mit uns auf.


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Kommentare

GruenerSaft
Kommentar #1 05.02.2017, 08:29 Uhr
Das größte Problem bei der veganen Ernährung und Rohkost, liegt meiner Meinung nach an den unsrigen Breitengraden. Stellt euch mal vor ein Eskimo müsste sich Vegan oder rohköstlich ernähren... und da der Mensch aus warmen Gebieten stammt, ist die Vegane und natürlich Ernährung sicherlich zu bevorzugen, jedoch müssen Kompromisse eingegangen werden. Da sollte man nicht allzu dogmatisch Denken.

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