Diskurs

Von der Toleranz zwischen Veganern und Fleischessern


Diskussionen zwischen Veganern und Fleischessern enden oft in Zank und Streit. Viele Fleischesser fühlen sich von Veganern angegriffen und kritisiert. Veganer fühlen sich ebenfalls unverstanden und zu Unrecht in eine Ecke gedrängt. Häufig wird daher vereinbart, das Thema der veganen Ernährung einfach auszuklammern und gegenseitig Toleranz walten zu lassen.
Auch viele Veganer stehen für einen toleranten Umgang. Und dieser ist grundsätzlich gut und wichtig.
Bis auf den Umstand, dass "Toleranz" schlicht das falsche Motiv ist.

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Wohl die meisten Veganer haben die Erfahrung gemacht, dass ein "Outing" als Veganer vor allem zu Beginn zu Diskussionen über Für und Wider dieser Lebensweise führen kann. Manch ein Fleischesser scheint sich schon von der bloßen Anwesenheit eines Veganers angegriffen zu fühlen und beginnt, Sprüche zu klopfen. "Das sieht man Dir auch an" oder "das wäre mir viel zu radikal".

Einige Veganer reagieren auf die vermeintliche, persönliche Ablehnung mit Frust und manchmal auch mit Besserwisserei. Das führt zu nichts, und so ist es für viele Veganer schon ganz normal geworden, das Thema über ihre Ernährungsweise mit routinierten Formulierungen zu beenden. "Na, wenn Du das so siehst - ich habe mich eben dazu entschieden". Punkt.

Frau hält sich die Ohren zu
Manche Themen sind für Fleischesser einfach unangenehm.
Bild: Fotolia.com

Viele Fleischesser goutieren die Zurückhaltung von Veganern mit Anerkennung für die angebliche Toleranz, die man ansonsten ja bei vielen Veganern vermisse. Als Veganer fühlt man sich gelobt - und hat doch ein komisches Gefühl. Denn ist Toleranz wirklich angebracht?
Ja ist es überhaupt Toleranz, aus der man schweigt?

Was ist Toleranz eigentlich?

Toleranz bedeutet, andere Meinungen zu respektieren und sich mit einem Kompromiss zu arrangieren. Eine Art Handel: Ich respektiere Dich, dafür respektierst Du mich, auch wenn wir nicht einer Meinung sind.

Im Allgemeinen ist Toleranz eine wichtige Fähigkeit im sozialen Leben, die schließlich auch einem selbst dient. Und Veganer scheinen in Sachen Toleranz vielen Fleischessern sogar einen Schritt voraus zu sein. Einer Untersuchung der Universitäten Mainz und Wuppertal zufolge neigen Veganer seltener zu Vorurteilen und Dominanzverhalten als Fleischesser. [1] Wichtige Voraussetzungen für echte Toleranz!

Allerdings setzt Toleranz voraus, dass keine Partei dem anderen schadet.

Auch wenn Fleischesser Veganern nicht direkt schaden, so hat das Fleischverzehr an sich durchaus immense Auswirkungen, insbesondere für die Tiere, deren Produkte sie verzehren, aber auch auf Bereiche von allgemeinem Interesse, wie Umwelt und Gesundheitssystem.

Ohnehin ist der Verzehr von Tierprodukten kaum noch Privatsache, da er immer die grundlegenden Interessen Anderer beschneidet - und in den zivilisierten Ländern zugleich gänzlich unnötig und sogar schädlich ist.
Wer von Veganern fordert, aus "Toleranz" zu schweigen, der fordert zugleich, die Hintergründe der Tierproduktion als bloße Meinung abzutun. Als ginge es um eine Lieblingsfarbe, nicht um ein zerstörerisches, kaum mehr kontrollierbares System, bei dem die meisten Menschen wegsehen.

Schweigen ist dennoch Gold.

Dennoch ist es als Veganer sicher klug, eine sinnlos erscheinende Streit-Diskussion gleich zu Beginn beenden. Nicht aus falsch verstandener Toleranz, sondern aus Pragmatismus. Weil es einem selbst Frust und schlechte Laune erspart.
Die Ideologie des Fleischverzehrs wird von der amerikanischen Psychologie-Professorin Dr. Melanie Joy als Karnismus bezeichnet. Und Ideologien lassen sich mit guten Argumenten nicht bezwingen.

Toll gemacht!
Ruhig auch mal die Klappe halten - aus Pragmatismus.
Bild: Fotolia.com

Einige Fleischesser beschimpfen Veganer, um sich emotional von ihnen zu distanzieren und sie nicht mehr als ernstzunehmende Gesprächspartner anzusehen. Um ihre guten Argumente abzuwerten und das Gefühl zu behalten, doch irgendwie im Recht zu sein. Siehe auch der Artikel: Warum Fleischesser Veganismus ablehnen. Diese Verhaltensmuster wurden auch schon psychologisch erforscht. [2]

Verdrängung aus Angst vor Veränderung.

Fleischesser wissen durchaus, dass für Fleisch Tiere sterben müssen, dass die Umwelt zerstört wird und dass Fleischverzehr auch ihnen selbst nicht gut tut. Doch sie abstrahieren und verdrängen es, aus Angst vor Veränderung. Denn Veränderung würde ja bedeuten, sich - in diesem Bereich - aus der Bequemlichkeit der "Normalität" zu verabschieden und sein eigenes, erlerntes Verhalten zu hinterfragen. Sich später womöglich selbst in einem intoleranten Umfeld verteidigen zu müssen.

Ist Pelztragen schlimmer als Leder?
Ja, Pelztragen ist besonders übel
Nein - beides ist gleich übel

Es ist besonders tragisch, da auch die meisten Veganer früher ebenfalls Fleisch gegessen haben und diese ideologischen Gedankengebilde aus eigener Erinnerung kennen. Doch anders als es zu Beginn erscheinen mag, ist vegane Ernährung für viele Menschen rückblickend eine der besten Entscheidungen ihres Lebens. Weil eine bewusste Ernährung dem Leben wieder Farbe und Qualität verleiht, die bei einer erlernten und auf Verdrängung basierten Ernährungsform schnell verloren geht. Je mehr man sich mit veganer Ernährung beschäftigt, desto deutlicher werden ihre Vorteile.

Das bizarre Verdrängungs-Gebilde vieler Fleischesser beginnt zu bröckeln, sobald ein Veganer in der Nähe ist. Selbst wenn dieser schweigt. Und deshalb fordern viele Fleischesser "Toleranz" - und meinen eigentlich Verdrängung des Themas. Aus Angst vor Veränderung.


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Kommentare

Vegana
Kommentar #1 30.04.2017, 12:15 Uhr
Respekt, dieser Artikel ist wirklich verdammt gut geschrieben und bringt die Realität perfekt auf den Punkt!

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