Kommentar

"Reinert Herzenssache" - Antibiotika-Greenwashing im TV

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Bild: Screenshot / Montage

Reinert ist ein großer Fleischproduzent und Hersteller einer "Bärchenwurst", die laut Zutatenliste keine Spur von Bärenfleisch enthält, wohl aber Schweinefleisch. Offenbar hat sich die in diesen Dingen geübte Marketing-Abteilung nun einen neuen Coup ausgedacht: TV-Werbung für Fleisch aus antibiotikafreier Aufzucht. Steckt hier drin, was drauf steht?

Unter dem herzensguten Motto "Reinert Herzenssache" widmen sich Fernseh-Spots und Website einem Thema, das heute durchaus brisant ist: Dem Antibiotika-Einsatz in der Massentierhaltung. Mit pinker Aufmachung, sehr sauber gefegten Ställen und ganz sympathischen Bauern mit dänischem Akzent.

Ca. 700.000 Tote durch Antibiotikaresistenz!

Das Thema ist in der Tat wichtig. Tödlich wichtig! Schließlich sterben weltweit etwa 700.000 Menschen im Jahr an den Folgen einer Antibiotika-Resistenz [1]. Der massive Einsatz von Antibiotika (und zwar auch in der industriellen Massentierhaltung) führt dazu, dass bestimmte Krankheitserreger resistent gegen diese Medikamente werden. Bei Menschen mit einem geschwächten Immunsystem kann das dazu führen, dass an sich harmlose Erkrankungen tödlich enden. Einfach deshalb, weil die üblichen Antibiotika nicht mehr wirken. Siehe auch: Seuchengefahr durch Massentierhaltungen.

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Wissenschaftler warnen daher seit Jahren eindringlich vor dem massenhaften Einsatz von Antibiotika. Denn ohne wirksame Antibiotika ist die Medizin in wichtigen Bereichen handlungsunfähig. Besonders die Massentierhaltung ist aufgrund der dichten Bestandsdichte der Tierherden ein Einfallstor für Seuchen, die wiederum durch den großflächigen Einsatz von Antiobiotika in Schach gehalten werden sollen. Schlimmer noch: Viele Patienten sind erst über Tierprodukte mit resistenten Keimen in Berührung gekommen. Geflügelfleisch scheint hier besonders stark betroffen zu sein [2].

Reinert wirbt, aber ohne konsequent zu handeln.

Die "Herzenssache"-Kampagne von Reinert spricht also in der Tat ein wichtiges Thema an. Allerdings ohne die nötigen Schritte konsequent zu gehen. Oder anders gesagt: Viel Energie für Greenwashing statt echte Veränderungen.

Greenwashing bedeutet, dass ein Unternehmen mit einer guten Sache wirbt, ohne wirklich eine gute Sache zu tun. So, wie wenn ein großer Energieversorger damit wirbt, innerhalb einer Generation aus fossilen Energieträgern aussteigen zu wollen (denn das bedeutet etwa: Wir drehen erst einmal Däumchen). Fleischwerbung ist voll von Greenwashing. Es fängt oft schon bei den Markennamen an, die sich aus Wörtern wie "Dorf", "Wiese", "Weide", "Hof", "Grün" und "Land" zusammensetzen. Begriffen also, die mit der Realität und dem Umgang mit Tieren rein gar nichts zu tun haben.

Die Hoffnung der Werbetreibenden ist oft, die eigene Marke emotional in Verbindung mit einer "guten Sache" zu bringen. Auch wenn diese Verbindung in Wahrheit regelrecht grotesk erscheint. So grotesk, wie wenn ein Fleischkonzern mit "Tierwohl" prahlt, für ein Produkt, das im Wesentlichen aus getöteten Tieren besteht.

Weiterhin Fleisch aus Aufzucht mit Antibiotika

Mit dem Slogan "aus antibiotikafreier Aufzucht" wird von Reinert der falsche Eindruck vermittelt, dass der Hersteller aus der Massentierhaltung mit ihrem intensiven Antibiotika-Einsatz aussteigen würde. Wie sich allerdings bei näherer Recherche auf der Website schnell zeigt, ist das Ganze aber nichts weiter als ein billiger Rechentrick:

Bild: Screenshot

Schweine, die gesund sind, erhalten demnach kein Antibiotika. So ist es auch rechtlich geregelt, denn Tiere dürfen in Deutschland nur zu therapeutischen Zwecken Antibiotika erhalten [3]. Tiere die krank werden, erhalten offenbar auch bei den Zulieferern von Reinert durchaus Antibiotika, werden aber angeblich einer anderen Herde zugeordnet und nicht als "antibiotikafrei" verwurstet.

Dass die Tiere tatsächlich antibiotikafrei aufgezogen werden, lässt sich im Zweifel vom Verbraucher kaum nachweisen.

Bild: Screenshot

Zusammenfassend lässt sich also sagen: Dass gesunde Tiere kein Antibiotika erhalten, ist nichts Besonderes. Die TV-Werbung "Reinert Herzenssache" wirbt mit Selbstverständlichkeiten und vermittelt dadurch den Eindruck, in Bezug auf den Einsatz von Antibiotika vorbildlich zu sein. Greenwashing. Wieder einmal.

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