Kanada streicht Milch-Kategorie aus Ernährungsplan

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Kanada hat seinen offiziellen Ernährungsplan überarbeitet. Seit Anfang 2019 wird den kanadischen Bürgern empfohlen, sich pflanzenbetont zu ernähren. Und während in der Vorgänger-Version Milch noch eine eigene Kategorie einnahm, ist das nun Vergangenheit. Statt dem Glas Milch ist im kanadischen "Food Guide" ein Glas Wasser zu sehen. Wie es scheint, ist es in Kanada also vorbei mit dem "Milch-Dogma".

Ernährungspläne wurden in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erfunden - um die lokale Agrarwirtschaft anzukurbeln. So kamen auch in Deutschland Werbe-Weisheiten auf, wie die von der Milch, die müde Männer munter mache. Einen lesenswerten Kommentar hat die kanadische Tageszeitung The Globe And Mail (englisch).

Angesichts des extremen Übergewichts in den Industriestaaten (auch in Deutschland) raufen sich Ernährungswissenschaftler seit Jahren die Hände. Denn was früher vielleicht dazu gedient haben mag, die lokale Wirtschaft zu stärken, fördert heute Zivilisationserkrankungen, Diabetes Typ 2 und Co - und schadet damit dem Gesundheitssystem.

Übergewicht wird von der WHO sogar an zweiter Stelle der wichtigsten Krebs-Ursachen gelistet. Direkt nach dem Tabak-Konsum. Ein Mangel an Obst und Gemüse steht auf Platz 3!

Kanada setzt mit dem neuen "Food Guide" ein Zeichen, dass die Gesundheit der Bevölkerung offenbar wieder schwerer wiegt als die Interessen der lokalen Milchwirtschaft. Eine Entscheidung, der heftige Diskussionen voraus gegangen sind. Denn die Agrar-Verbände haben natürlich kein Interesse, einen willfährigen Staat als Werbepartner zu verlieren.

Und vielleicht nicht ganz ohne Grund haben die Zuständigen im neuen Food Guide von Kanada auch noch folgende Warnung untergebracht (Übersetzung von uns):

"Seien Sie sich bewusst, dass Lebensmittel-Marketing Ihre Entscheidungen beeinflussen kann."
(Original: Be aware that food marketing can influence your choices) [1]

In der Vorgänger-Version von 2007 hatten Milchprodukte in Kanada noch einen hohen Stellenwert:

Ausschnitt: Alter Food-Guide von Kanada (2007)Ausschnitt: Alter Food-Guide von Kanada (2007)
Bild: Kanada

Viel Obst und Gemüse, wenig oder keine Tierprodukte.

Den aktuellen Ernährungsempfehlungen von Kanada zufolge, sollen Mahlzeiten jeweils aus einem Viertel Obst, Gemüse, proteinhaltigen Lebensmitteln und Vollkorngetreide bestehen. Tierprodukte sind zwar enthalten, aber gleichgestellt mit pflanzlichen Nahrungsmitteln. Wasser gilt als Getränk der Wahl.

Eine neue, offizielle Empfehlung von Kanada lautet (Übersetzung von uns):

"Essen Sie viel Gemüse und Obst, Vollkornprodukte und proteinhaltige Lebensmittel. Wählen Sie häufiger pflanzliche Proteinquellen."
(Eat plenty of vegetables and fruits, whole grain foods and protein foods. Choose protein foods that come from plants more often.) [1]

Zudem wird empfohlen, stark verarbeitete Lebensmittel zu vermeiden oder zu reduzieren. Explizit wird im "Food Guide" von Kanada empfohlen, gesättigte Fette durch gesunde Fette zu ersetzen. Tierprodukte sind bekanntermaßen die wichtigsten Lieferanten von gesättigten Fetten.

In Ernährungsfragen ist Kanada Deutschland voraus.

In Deutschland gibt es weiterhin stark wirtschaftlich beeinflusste Ernährungsempfehlungen. So gibt es zum Beispiel ein aus Steuermitteln finanziertes "Schulmilch"-Programm, das sogar zuckerigen Kakao beeinhaltet. Kritiker sehen darin eine staatliche Beeinflussung von Schulkindern im Sinne der Milchwirtschaft.

Die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch hat hierzu übrigens einen lesenswerten Report über die Verknüpfung von Milchwirtschaft und Politik in Deutschland veröffentlicht: Zum Report.

Auch die deutsche Centrale Marketing-Gesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft (CMA), Sprücheklopfer Nummer eins, wenn es um Tierprodukte-Marketing ging, wurde erst 2009, in Folge eines Urteils des Bundesverfassungsgerichts, aufgelöst. [2].

Immer noch Bestand hat die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE). Diese bewirbt ihre Arbeit zwar als wissenschaftlich, hat aber offenbar keine größeren Vorbehalte gegen eine sehr enge Zusammenarbeit mit Industrieverbänden (u.a. die PHW-Gruppe ("Wiesenhof")).

Veganer Ernährung gegenüber ist die DGE zwar schon deutlich weniger kritisch geworden als noch vor ein paar Jahren - trotzdem sind die offiziellen Ratschläge der DGE "frappierend einseitig" (findet zumindest Kathrin Zinkant in der Süddeutschen Zeitung).

Kanadas Ernährungsplan setzt ein wichtiges Signal

Unter diesem Aspekt ist es also in der Tat spektakulär, wenn ein Staat sich im Spannungsfeld zwischen Wirtschafts-Interessen und Gesundheit wieder zunehmend für die Bevölkerung entscheidet.

Wer sich überwiegend pflanzlich ernährt, kann dies gut im Rahmen der kanadischen Empfehlungen tun. Fleisch, (fettreduzierte) Milch und Eier werden nur als mögliche Optionen innerhalb der großen Auswahl an proteinreichen Lebensmitteln aufgeführt. Zudem wird ausdrücklich empfohlen, pflanzlicher zu essen.

Unter Ernährungsbewussten - und natürlich Veganern - ist es schon seit vielen Jahren bekannt, dass Kuhmilch für eine ausgewogene Ernährung nicht notwendig ist. Im Gegenteil: Zahlreiche Studien weisen auf Risiken im Zusammenhang mit dem Kuhmilch-Konsum hin. Vom Osteoporose- bis zum Krebsrisiko.

Oder anders gesagt: Ist es nicht seltsam, wenn ein erwachsener Mensch die natürliche Babynahrung einer anderen Spezies trinkt?

Auch wenn uns diese Nachrichten natürlich freuen und motivieren - wirklich neu oder revolutionär sind sie nicht. Doch der neue "Food Guide" von Kanada bestätigt, was viele Ernährungsexperten seit vielen Jahren empfehlen: Eine deutlich pflanzenbetonte Ernährung dient nur unserer Gesundheit. Und dies zu stärken sollte eine Aufgabe jedes Staates sein.

Übrigens: Hier noch ein Ausschnitt aus den Food-Rules von Kanada im Jahr 1942:

Bild: Kanada Autor:
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