Spiegel Online in der Kritik: Hetze gegen vegane Kinderernährung.

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Spiegel Online hetzt gegen vegane KinderernährungSpiegel Online hetzt gegen vegane Kinderernährung
Bild: Screenshot (bearbeitet)


Spiegel Online hat dieser Tage in einem unrühmlichen Beispiel gezeigt, wie Hetze gegen Veganer funktioniert. Der tragische Fall eines schwer fehlernährten Kleinkindes in Australien wird dazu instrumentalisiert, Vorurteile zu schüren und darüber Reichweite zu generieren. Ein Kommentar von Vegpool-Gründer Kilian Dreißig.

Was genau ist geschehen?

Unter dem Titel "Eltern droht Haftstrafe wegen Mangelernährung ihres Kindes" stellt ein nicht namentlich genannter Autor auf Spiegel Online irrwitzige Zusammenhänge her (Link). Diese zielen augenscheinlich darauf ab, durch Vorurteile Reichweite zu generieren. Der Untertitel lautet: "Die Tochter hatte mit 19 Monaten noch keine Zähne und wog unter fünf Kilogramm: In Australien droht Eltern eine Gefängnisstrafe, weil sie ihrem Kind mit einer streng veganen Ernährung geschadet haben."


Das klingt in der Tat schockierend und wird natürlich auch verantwortungsbewusste, vegane Eltern in Sorge versetzen! Doch der Artikel ist so unsachlich und an den Haaren herbeigezogen, dass wir das hier einmal genauer auseinander nehmen möchten.

Fehlernährtes, veganes Kind in Australien? Was ist vorgefallen?

In Australien wurde offenbar ein Kind mit schweren Symptomen einer Mangelernährung ins Krankenhaus eingeliefert. Seine Mutter hatte die Klinik dem Bericht zufolge wenige Stunden nach der Geburt verlassen und hat seither depressiv im Bett gelegen. Das Kind wurde offenbar mit pflanzlichen Lebensmitteln ernährt, darunter Haferflocken, Kartoffeln, Reis, Tofu, Brot, Erdnussbutter und Reismilch.

Ist das etwa keine Fehlernährung?

Es ist offensichtlich eine krasse Fehlernährung! Eltern, die ihr Kind auf diese Weise ernähren, misshandeln es und nehmen schwere gesundheitliche Schädigungen in Kauf. Ihnen sollte das Sorgerecht entzogen werden. Säuglinge benötigen Muttermilch und anschließend eine altersgemäße, gesunde Ernährung.


Offenbar wurde das Kind in Australien nicht gestillt und hat auch ansonsten keine kindgerechte Ernährung erhalten. Die Ernährung des Kindes weist keine Übereinstimmung mit den fachlichen Empfehlungen zu einer fundierten, veganen Kinderernährung auf, die auch Muttermilch enthält.

Wo ist dann also das Problem?

Hätte das Kind neben den genannten Lebensmitteln auch Fleisch erhalten, wäre der Artikel schlicht untergegangen, weil der Fall allgemein unter "Verwahrlosung" eingestuft worden wäre und - tragischer Weise - niemanden interessiert hätte. So, wie die vielen übergewichtigen Kinder in Deutschland, die einer Zukunft mit Diabetes Typ 2, Adipositas und Folgekrankheiten entgegen sehen.

Der Artikel erhält seine vermeintliche Brisanz einzig dadurch, dass der Autor die genannte Ernährung als "vegan" interpretiert - und dementsprechende Vorurteile und Emotionalität bedient. Das ist unredlich.


Sollte man Kinder vegan ernähren?

Wer sich überlegt, seine Kinder vegan zu ernähren, der sollte sich zuvor wissenschaftlich fundierten Rat einholen und sich nicht auf populistische Hetze verlassen, wie sie z. B. im genannten Artikel auf "Spiegel Online" stattfindet. Journalisten sind nur selten Ernährungsexperten und immer häufiger nur am "schnellen Klick" interessiert. Auch wenn dabei die Wahrheit auf der Strecke bleibt und sie sich für die Interessen ganz anderer Parteien einspannen lassen.

Organisationen wie die "American Dietetic Association" oder die "Academy of Nutrition and Diatetics" sind einer veganen Kinderernährung gegenüber viel differenzierter und halten diese sogar in bestimmten Aspekten für vorteilhaft. In Deutschland veröffentlicht das Institut für nachhaltige Ernährung (IFANE) wissenschaftliche Informationen zum Thema.

Ein verbreitetes Vorurteil ist, dass Muttermilch unvegan sei. Dabei ist Muttermilch selbstverständlich vegan und auch bei einer veganen Kinderernährung unheimlich wichtig.

Aber die DGE lehnt vegane Ernährung von Kindern ab.


Die DGE hat in der Vergangenheit auch wissenschaftliche Fakten und Vorurteile vermischt und hat sich in ihrer Stellungnahme zu veganer Kinderernährung sogar über eigene Erkenntnisse hinweggesetzt. Dazu haben wir in der Vergangenheit bereits hier ein Interview veröffentlicht. Darüber hinaus findet eine enge Zusammenarbeit mit der Lebensmittelindustrie statt, die häufig kritisiert wird. Vegane (und nicht-vegane) Eltern sollten sich über neue wissenschaftliche Erkenntnisse auf dem Laufenden halten und sich nicht zu Dogmatismus hinreißen lassen.

Gab es diese Art der Hetze nicht schonmal?

Der Trick, Emotionen und Vorurteile zu nutzen, um Reichweite zu generieren, ist nicht neu. "Vegan" funktioniert deshalb so gut, weil diese Lebensweise in den Medien gerne als bizarrer Ernährungs-Spleen dargestellt wird. Viele Fleischesser fühlen sich von Veganern pauschal abgewertet und reagieren darauf mit Vorurteilen. Sachliche Argumente für eine vegane Ernährung werden - wenn überhaupt - oft nur am Rande thematisiert.


Vor wenigen Jahren gab es bereits eine ähnliche Berichterstattung über ein angeblich fehlernährtes, veganes Kind, die an den Haaren herbeigezogen worden war.

Das Kind war in Italien mit einem Herzfehler in eine Klinik eingeliefert worden. Die vegane Ernährung hatte mit dem Herzfehler jedoch nichts zu tun. Die wenigsten Medien hatten eine Korrektur oder Richtigstellung veröffentlicht. Dass auf diese Weise eine potentiell gesundheitsfördernde Ernährung in Misskredit gebracht wird, ist fatal!

Warum ist diese Art der Berichterstattung so gefährlich?

Vegane Kinderernährung ist in der Wissenschaft seit Jahren ein Thema. In Studien wird längst beobachtet, welche Auswirkungen eine vegane Ernährung hat. Hierbei geht es übrigens gar nicht unbedingt um die Vorteile der pflanzlichen Ernährung an sich, sondern oft auch um die Vorteile des Weglassens ungesunder Tierprodukte.

Es gibt zum Beispiel Hinweise, dass z. B. das Weglassen von Kuhmilch gesundheitliche Vorteile für die Gesundheit haben kann. Indem Artikel dieser Art pauschal alles verurteilen, was irgendwie "vegan" klingt, gehen diese fundierten Erkenntnisse in der öffentlichen Wahrnehmung unter. Das schadet letztlich auch den Kindern, denen aufgrund von Vorurteilen eine gesunde Ernährung verwehrt bleibt.


Es schadet aber auch veganen Kindern. Denn wenn das Thema stets unsachlich und populistisch behandelt wird, kann bei den Verantwortlichen eine Ermüdung eintreten, in der tatsächlich relevante Informationen übersehen werden.

Und wie lautet das Fazit?

Angesichts der Tatsache, dass die meisten fehlernährten Kinder in Deutschland nicht vegan ernährt werden, zeigt sich, dass das Thema der veganen Kinderernährung völlig übertrieben dargestellt wird. Unzählige Kinder in Deutschland gedeihen mit einer fundierten, pflanzlichen Ernährung bestens und entwickeln sich zu gesunden, fitten, intelligenten Menschen.


Weitere Stellungsnahmen zu dem Fall aus Australien findest Du auch auf vegan.eu und auf vegan.at.

Autor:
4,5/5 Sterne (24 Bew.)
Kommentare

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Kommentare

#2: kilian
26.05.2019, 10:27 Uhr
Hallo Nani, Muttermilch ist vegan. Die Reduzierung des Begriffs "vegan" auf rein pflanzliche bzw. nicht tierische Lebensmittel greift viel zu kurz (wie der Artikel zeigt, der eine völlig Fehlernährung (auf Pflanzenbasis) als "vegan" definiert). "Vegan" ist eine pflanzenbasierte Ernährung, aber kein ideologischer Quatsch. Daher ist Muttermilch selbstverständlich vegan.
#1: Nani
26.05.2019, 07:57 Uhr
Lieber Kilian, so sehr es mich freut, dass du dich gegen unqualifizierte Hetze gegen vegan Kinderernährung aussprichst, so sehr ist es aber auch wichtig, sachlich zu bleiben! Ich meine hiermit deine Behauptung, Muttermilch sei vegan. Sie ist unendlich wichtig für den Säugling und es gibt nichts Besseres, aber vegan ist Muttermilch deshalb noch lange nicht!!! Der Mensch zählt zu der Gruppe "Säugetiere" und seine Milch ist deshalb 100% tierisch, da führt kein Weg dran vorbei. Bedenke bitte, dass solche Unrichtigkeiten angreifbar machen, und haben wir Veganer es in der öffentlichen Meinung nicht schon schwer genug??
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