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Essay

Erinnerungen an Schweinchen X


Es ist wohl schon ein Weilchen her, zwei oder drei Tage, seit Schweinchen X seinen letzten Auftritt hatte. Jetzt jedenfalls ist es aus mit Schweinchen X. Jetzt, zwei oder drei Tage später, ist Schweinchen X längst verdaut. Es war als Teewurst – oder Schinken? – Teil eines Sandwiches gewesen, verzehrt von Person Y während des Lesens der Tageszeitung. Nun gibt es also keine Spur mehr von dem kleinen Tier. Als hätte es Schweinchen X nie gegeben.

Hat es aber.

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Schweinchen X war ein ganz normales Schwein. Es war vielleicht nicht sonderlich intelligent, hat sich auch nicht allzu viele Sorgen um seine Sauberkeit gemacht – aber viel anderes blieb ihm auch nicht übrig. Denn Schweinchen X lebte mit vielen anderen Schweinchen zusammen.
„Schweinchen“ deshalb, weil sie alle sehr junge Schweine waren, kaum ein halbes Jahr waren sie alt. Man kann sagen, es waren noch Kinder, oder, wie man bei Schweinen wohl besser sagen muss: Ferkel oder Jungtiere.

Ein ganz normales Schwein

Jedenfalls war Schweinchen X kein besonderes Schwein, keines, das besondere Kunststücke konnte, einem Menschen besonders am Herzen lag oder gar einen Namen hatte. Ja, eine Nummer hatte es im Ohr, aber das ist nochmal was anderes. Nein, Schweinchen X war schlicht ein ganz normales Schweinchen. So eines, wie sie millionenfach in Schweinehaltungen leben. Nichts war besonders an Schweinchen X – außer dass es lebte. Es war also keine leblose Masse, wie ein Stück Holz, es konnte sehen, riechen, sich mit seinen Artgenossen im kleinen Gatter balgen.

Es mag sein, dass Schweinchen X nicht wusste, wer es war, dass es kein Bewusstsein seiner Selbst hatte. Aber es sah, schmeckte, spürte, roch. Es hatte Schmerzen, spürte Aggression. An einem anderen Ort hätte es vielleicht auch Freude empfinden können, wenn es sich im Schlamm suhlen oder später einmal ein anderes Schwein begatten könnte (dazu hätte man es freilich nicht kastrieren dürfen). Zusammengefasst: Schweinchen X empfand und lebte. Es hätte 15 Jahre lang ein normales und für sich einzigartiges Leben leben können, hätte es da nicht anderweitige Interessen gegeben.

Die Bestimmung von Schweinchen X

Doch Schweinchen X hatte eine Bestimmung. Keine göttliche Bestimmung, nichts, das man als besonders symbolisch deuten könnte. Es war die Bestimmung von Schweinchen X, Wurst zu werden. Oder Schinken. Genau weiß es niemand mehr, denn für den Bauern war Schweinchen X nur eine Zahl. Ein unbekanntes X in einer unbekannten Masse von Lebewesen, deren Lebenswillen, Intelligenz und Sozialverhalten zwar nicht unbekannt waren, in diesem Prozess jedoch keine Rolle spielen sollten.

Die Interessens-Unterschiede lagen darin, dass Schweinchen X gerne lebte, wohingegen der Bauer eben gerne Teewurst aus seinem Körper herstellen wollte. Schweinchen X konnte zu seinem Unglück hier nicht mitbestimmen, zumal ihm der Begriff Teewurst kaum etwas bedeutet hätte. Schweine können schließlich keine Sprache verstehen. Die Macht der Entscheidung lag also zuletzt allein beim Bauern.

Seitan-Gericht
Sieht aus wie Teile von Schweinchen X, ist aber Seitan
Bild: Lablascovegmenu, flickr.com, CC-BY

Zum Glück nur ein Tier?

Aus juristischer Sicht war Schweinchen X ein Nutztier und die Verwendung seines Körpers für die Erzeugung von Teewurst ein zur Tötung ausreichender, „vernünftiger Grund“, wie vom Gesetz gefordert. Hätte man die kognitiven Fähigkeiten des 5 Monate alten Schweinchen X nach selbigen Standards mit denen eines menschlichen Säuglings vergleichen, hätte sich die Eignung für Teewurst vielleicht zugunsten von Schweinchen X verschoben – ein grauenvoller Gedanke. Denn eine solch abscheuliche Tat wäre kaltblütiger Mord, aus niederen Beweggründen. Mit nichts zu rechtfertigen, erst recht nicht mit Geschmack. Undenkbar wäre das, und barbarisch.

Deshalb schnell zurück zum Schweinchen X!

Es endete, kurz gesagt, ohne größeres Aufsehen, ohne Zeremonie oder Verabschiedung als Bestandteil eines Sandwiches. Hatte Schweinchen X eine Seele, die jetzt vom Himmel herab blickt? Vielleicht ist es jetzt im Schweinehimmel, bei der großen Schweinemutter. Wahrscheinlich ist es jetzt einfach Nichts. Die Teewurst-Stulle ist längst verzehrt und verdaut, es ist schlicht nichts mehr da, das an Schweinchen X erinnern könnte. Und doch hätte Schweinchen X noch leben können.

Zweifel an der Teewurst?

Für Person Y, die als Letzte ein Stückchen von Schweinchen X verzehrt hatte, ist es längst in Vergessenheit geraten. Wer erinnert sich schon Tage später noch an ein Brot mit Teewurst? Hatte Person Y sich Gedanken gemacht, was – oder gar wen – sie da verzehrt, gekocht und angereichert mit schmackhaften Gewürzen? Hatte sie ihre Zweifel eventuell beschwichtigt? Lag ihr überhaupt etwas daran, sich um die Belange anderer zu kümmern?

„Die Realität ist hart. Wenn Schweine könnten, würden sie einen ja auch fressen. Sie haben also keine Milde verdient!“

Das Leben des Schweinchen X einfach weggedacht?

Man kann nur spekulieren, was Person Y wohl gedacht haben mag. Vielleicht wurde das Wegdenken mit der Zeit zur Routine, Karnismus, wenn man es so nennen mag. Die Vergleiche mit Tieren nur dann, wenn sie nützlich sind.
Vielleicht war auch die Teewurst ein Sonderangebot, 39 Cent, 50% reduziert wegen dem Verfallsdatum. Ein Schnäppchen, wer überlegt da noch?

Erinnerungen nutzen nur dem, der sich erinnert. So wie die „gute Haltung“ auch dem dient, der kein schlechtes Gewissen haben will. Schweinchen X wird davon nicht wieder lebendig.
Theoretisch hätte Person Y auch ein Brot mit Erdnussbutter essen können. Sie hätte es nach 2-3 Tagen sowieso vergessen – eher noch nach 10 Minuten. Wer erinnert sich schon an Sandwiches? Es wäre vielleicht sogar gesünder gewesen. Jedenfalls hätte es, im Nachhinein betrachtet, keinen Unterschied gemacht. Außer für einen: Für Schweinchen X, das noch leben würde.

Mitwirkung: Kilian Dreißig


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Kommentare

Daniel
Kommentar #1 25.09.2015, 21:29 Uhr
Echt super geschrieben! Vielen Dank für den Bericht über Schweinchen X.

Es machen sich viel zu wenige Menschen Gedanken darüber woher ihre Wurst oder Fleisch kommt. Sie essen einfach und ignorieren die Herkunft und dass ein Leben dahinter gesteckt hat.

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